EU einigt sich auf Digital Omnibus: Hochrisiko-Pflichten erst ab Dezember 2027
8. Mai 2026
Rat und Parlament der EU haben in der Nacht zum 7. Mai 2026 die vorläufige Einigung zum Digital Omnibus erzielt. Hochrisiko-Pflichten verschieben sich auf den 2. Dezember 2027, KMU-Erleichterungen werden ausgeweitet, ein Verbot für Nudification-Apps kommt.
Worum es geht
In der Nacht zum 7. Mai 2026 hat die belgische Ratspräsidentschaft mit Verhandlern des Europäischen Parlaments einen vorläufigen Kompromiss zum Digital Omnibus on AI erzielt. Damit liegt erstmals der konkrete Inhalt jenes Pakets vor, über das in den Vorwochen viel spekuliert wurde. Wesentliche Punkte: Die Pflichten für Hochrisiko-KI nach Artikel 6(1) AI Act gelten erst ab dem 2. Dezember 2027 statt ab dem 2. August 2026. Erleichterungen für kleine und mittlere Unternehmen werden auf sogenannte Small Mid-Caps mit bis zu 500 Mitarbeitenden ausgedehnt. Neu im Text ist ein eindeutiges Verbot für Anwendungen, die nicht-einvernehmliche sexuelle oder intime Bilder erzeugen, sogenannte „Nudification"-Apps, sowie für die Erzeugung von Material, das sexuellen Kindesmissbrauch zeigt.
Was die Einigung tatsächlich macht
Drei Bausteine prägen das Paket. Erstens die Verschiebung. Hochrisiko-Anwendungen in den Bereichen Biometrie, kritische Infrastruktur, Bildung, Beschäftigung, Migration und Grenzkontrolle bekommen 16 Monate mehr Zeit, ihre Konformitätsbewertung, Risikoanalysen und Datenqualitäts-Pflichten umzusetzen. Für KI in physischen Produkten wie Aufzügen oder Spielzeug verlängert sich der Stichtag sogar bis zum 2. August 2028.
Zweitens die KMU-Schiene. Bislang galten vereinfachte Dokumentationsanforderungen nur für Unternehmen unter 250 Mitarbeitenden. Mit dem Omnibus werden diese Erleichterungen, einschließlich vereinfachter technischer Dokumentation, auf Small Mid-Caps mit bis zu 500 Beschäftigten erweitert. Das ist eine spürbare Entlastung im deutschen Mittelstand und in vergleichbaren Strukturen in Frankreich und Italien.
Drittens die neuen Verbote. Das ausdrückliche Verbot für KI-Praktiken zur Erzeugung von „Non-Consensual Intimate Imagery" und kindlichem Missbrauchsmaterial gilt schon ab dem 2. Dezember 2026. Die Übergangsfrist für Transparenzpflichten bei KI-generierten Inhalten verkürzt sich von sechs auf drei Monate, ebenfalls mit Frist 2. Dezember 2026.
Warum das wichtig ist
Der Beschluss ist die größte inhaltliche Korrektur am AI Act seit dessen Inkrafttreten am 1. August 2024. Für Unternehmen verändert sich die Compliance-Roadmap. Wer 2026 in einer Vorbereitungsphase steckte, bekommt mehr Luft, muss die Zeit aber sinnvoll nutzen, weil 2027 die Pflichten dann scharf gestellt werden. Wer in den Mittelstand zwischen 250 und 500 Mitarbeitenden fällt, hat erstmals echte Erleichterungen, vor allem bei der technischen Dokumentation und der Logging-Pflicht für Hochrisiko-KI. Für europäische Politik ist die Einigung Ergebnis monatelanger Industrieproteste und gleichzeitig ein klares Signal an Wahlkämpfer und Bürgerrechtsorganisationen, dass missbräuchliche generative KI – speziell synthetische sexuelle Inhalte – nicht reguliert „passieren" wird.
Die Einigung muss noch von Rat und Parlament formal bestätigt werden, danach folgt eine sprachjuristische Schlussfassung. Mit der formalen Annahme wird laut Lewis Silkin und IAPP innerhalb weniger Wochen gerechnet, nicht erst Monate.
Einfach erklärt
Stell dir vor, eine Stadt hat ein neues, sehr striktes Bauordnungsgesetz beschlossen. Die Architekten und Handwerker sagen: Wir kriegen das bis zum Stichtag nicht hin. Die Stadt antwortet: Okay, wir schieben den Stichtag um etwa 16 Monate. Im Gegenzug sagt sie: Wer aber wissentlich gefährliche Häuser baut, wird sofort bestraft. Genau diese Logik – mehr Zeit für die ehrlichen Bauherren, härtere Hand bei klar Schädlichem – steckt im Digital Omnibus.
Praktisches Beispiel
Ein süddeutscher Maschinenbauer mit 380 Mitarbeitenden plant für 2026 ein KI-System zur automatisierten Sichtprüfung in der Endmontage. Bisher fiel das Unternehmen aus dem KMU-Schema heraus, weil es über 250 Beschäftigte hat. Nach Inkrafttreten des Omnibus zählt es als Small Mid-Cap. Das Compliance-Team kann eine vereinfachte technische Dokumentation einreichen statt der vollen Hochrisiko-Akte. Gleichzeitig hat das Unternehmen 16 Monate länger Zeit, das System nach Artikel 6(1) abzunehmen. Der Praxisrat: Diese Zeit nicht verschenken, sondern für saubere Datenqualitäts-Audits, Logging-Konzepte und die Auswahl benannter Stellen nutzen.
Einordnung und Grenzen
- Die Einigung ist vorläufig. Erst nach formaler Annahme durch Rat und Parlament und sprachjuristischer Endfassung ist sie geltendes Recht. Bis dahin sollten Unternehmen ihre Roadmap nicht ohne Reservepuffer anpassen.
- Hochrisiko bleibt Hochrisiko. Die Pflichten verschwinden nicht, sie verschieben sich. Wer jetzt entspannt, hat 2027 dasselbe Compliance-Problem.
- Es gibt internationale Spannungen. US-Kommentatoren werten die Verschiebung als Eingeständnis europäischer Industrieschwäche. Diese Wahrnehmung kann sich in transatlantischen Verhandlungen, etwa über Handelsfragen, ungünstig auswirken.
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💡 Im Klartext
EU-Rat und Parlament haben sich am 7. Mai 2026 auf das Digital-Omnibus-Paket geeinigt. Hochrisiko-KI-Pflichten gelten erst ab Dezember 2027, mehr Mittelständler bekommen Erleichterungen, und Nudification-Apps werden ausdrücklich verboten.
Wichtigste Erkenntnisse
- →Rat und Parlament haben am 7. Mai 2026 vorläufig den Digital Omnibus zum AI Act ausgehandelt.
- →Hochrisiko-Pflichten nach Artikel 6(1) gelten erst ab dem 2. Dezember 2027 statt ab August 2026.
- →KMU-Erleichterungen werden auf Small Mid-Caps mit bis zu 500 Mitarbeitenden ausgedehnt.
- →Nudification-Apps und KI-generiertes Kindesmissbrauchsmaterial werden ausdrücklich verboten, ab dem 2. Dezember 2026.
- →Die Transparenzfrist für KI-generierte Inhalte verkürzt sich von sechs auf drei Monate, Stichtag 2. Dezember 2026.
Häufige Fragen
Wann gelten die Hochrisiko-Pflichten nun?
Nach der vorläufigen Einigung vom 7. Mai 2026 ab dem 2. Dezember 2027 statt ab dem 2. August 2026.
Wer profitiert von den Mittelstands-Erleichterungen?
Neu auch Small Mid-Caps, also Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitenden, nicht mehr nur klassische KMU bis 250.
Was ändert sich für Deepfake-Inhalte?
Apps zur Erzeugung nicht-einvernehmlicher sexueller Bilder und KI-generierten Kindesmissbrauchsmaterials werden ab 2. Dezember 2026 ausdrücklich verboten.
Quellen & Kontext
- Artificial Intelligence: Council and Parliament agree to simplify and streamline rules - Consilium
- AI Act: Parliament and Council reach agreement to amend rules on artificial intelligence
- EU hits snooze on AI Act rules after industry backlash
- The Council and Parliament agree to slim down and delay parts of the EU AI Act
- EU AI Act gets its first real haircut - high-risk deadlines pushed to 2027